I VIRTUOSI @ FEENREICH 2 °
Schloss Esterházy, Eisenstadt/Österreich
I VIRTUOSI @ FEENREICH 2 °
Schloss Esterházy, Eisenstadt/Österreich
Karikatur auf Donizettis Oper Lucia di Lammermoor mit Fanny Persiani (Lucia) und Gilbert-Louis Duprez (Edgardo)
Werke von Gaetano Donizetti,
Ferdinando Paër und
Gioacchino Rossini
In italienischer und französischer Sprache
13. Oktober 2012, 19:30
(Dauer ca.2 Std. - Eine Pause)
Empiresaal, Schloss Esterházy,
Eisenstadt (Burgenland/Österreich)
im Rahmen der Liebhaber-Concerte
von
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Tel.: +43 2682 63854 12
Werkeinführung mit
Alfred Gänsthaler
und Nicolas Trees: 18h30, Empiresaal
Margarita De Arellano - Sopran
Anna Agathonos - Mezzosopran
Timothy Fallon - Tenor
Randal Turner - Bass-Bariton
Mark Pogolski - Pianist
James Alexander - Musikalische Leitung / Pianist
Irene
Cantata a due Voci (Kantate für zwei Stimmen)
von Gioacchino Rossini
Zeitgenössische Erstaufführung der revidierten Fassung von 1828
Margarita De Arellano - Sopran
Anna Agathonos - Mezzosopran
Die Cantata a due Voci ist eine revidierte Fassung von Egle ed Irene, einem Werk, das der Schwan von Pesaro während eines Aufenthaltes in Mailand 1813/14 (in zeitlicher Nähe zu Aureliano in Palmira und Il Turco in Italia für Prinzessin Amelia Belgiojoso komponiert hatte. Sie wiederum war die Schwiegermutter der Freiheitskämpferin und Autorin Cristina Trivulzio Belgiojoso, die in ihrem Pariser Exil ab 1836 einen renommierten Salon unterhielt, in dem auch Rossini verkehrte. Der Librettist des Werkes ist unbekannt. Der Inhalt ist schnell erzählt: Egle ist verzweifelt, weil die Abreise ihres Geliebten Aminta bevorsteht. In ihrer Verzweiflung möchte sie am Liebsten die Flucht ergreifen. Vergeblich versucht Irene ihre Schwester zu trösten und zum Bleiben zu bewegen. Namen wie Egle und Aminta verweisen die Kantate ins Reich arkadischer Schäferspiele.
Ein markantes Vorspiel eröffnet das Werk, gefolgt von einem breit angelegten, mit ariosen Passagen durchsetzten Rezitativ (Quanta pietà). Ihm schließt sich ein Cantabile für Egle (Non posso, oh Dio, resistere) an, in dem entfernt Lindoros Se il mio nome saper voi bramate aus dem Barbier anklingt. Das anschließende Duett ist dreisätzig (Deh, conserva i giorni tuoi / Placate, o sommi dei / Voi che amate). Es ist bezeichnend, dass der Komponist in der vorliegenden Fassung von 1828 in der Eingangspassage des letzten Teils (Voi che amate) einen melodischen Einfall von 1814 umgestaltet hat, den er zwei Jahre danach als Zitat im Terzett Nr. 16 im Barbier wieder aufgegriffen hatte (Echoeffekt ab Dolce nodo avventurato). Wie hätte er 1814 ahnen können, zu welchem Hit sich die fragliche Oper entwickeln würde ... Die Urfassung von Egle ed Irene aus dem Jahr 1814 ist in jüngster Zeit aufgeführt und eingespielt worden (u.a. von Opera Rara im Rahmen der Serie Il Salotto auf der CD La potenza d'amore, ORR 208), nicht so allerdings die Revision von 1828. Irene wird am 13.10.2012 im Haydnsaal auf Schloss Esterhàzy als zeitgenössische Erstaufführung zu hören sein.Publ. Paris, Pacini, 1828 |
Bei Teresa e Gianfaldoni handelt es sich vermutlich um Donizettis erstes vollständig publiziertes Werk überhaupt. Der Librettist ist nicht bekannt. Die Kantate entstand um 1821 und wurde vom römischen Verleger Ratti e Cencetti gedruckt und vertrieben. Sie ist Maria Luisa von Spanien, der Herzogin von Lucca gewidmet. Diese außergewöhnlich kultivierte Herrscherin unterhielt ein vitales Musikleben und ernannte u.a. 1822 Giovanni Pacini zum Hofkapellmeister. In Lucca existierte außerdem eine nennenswerte Salonkantatentraditon, zu der auch Domenico Puccini, Giacomos Großvater, etliche Stücke beigesteuert hatte. Teresa e Gianfaldoni thematisiert eine historische Begebenheit, die sich am 30. Mai 1770 in Irigny bei Lyon ereignete: Am Altar einer Hauskapelle begeht ein Liebespaar Doppelselbstmord, weil der Vater des Mädchens die Beziehung nicht akzeptiert. Die Tragödie erregte europaweit Aufsehen und wurde umgehend literarisch verarbeitet: Der Schriftsteller Jean-Jacques Rousseau logierte zur Tatzeit des Unglücks zufälligerweise in Lyon im Hotel der Eltern des Mädchens. Er verfasste eine berührende Grabinschrift für die unglücklichen Liebenden. Voltaire erwähnte den Vorfall detailliert in einer Neuausgabe seines Dictionnaire Philosophique, und der französische Schriftsteller Nicolas-Germain Léonard machte 1783 das Paar zu den Protagonisten seines Romans Briefe zweier Liebender aus Lyon. Donizettis Kantate basiert auf einer italienischen Adaption dieses Romans. Die Duettkantate entspricht in ihrer formalen musikalischen Anlage dem Schlussakt einer Oper und dokumentiert das letzte Treffen der Liebenden und die Endgültigkeit ihres Entschlusses zum Suizid. Francesco Florimo berichtet in seiner Anthologie La scuola musicale di Napoli (1880) von einer konzertanten Privataufführung von Teresa e Gianfaldoni im Jahre 1821 in Mantua. Zur Illustration: Die oben erwähnte Widmung der beiden Lithographen Leopoldo Ratti und Giovanni Battista Cencetti findet sich auf der zweiten Seite der Partitur zu Teresa e Gianfaldoni. In ihrem naiven Pathos, inklusive Druckfehler (Interpetri statt - richtig - Interpreti), vermag sie noch heute Leser anzurühren. Im Folgenden die Übersetzung: I[hrer] K[öniglichen] M[ajestät] Zärtliche Noten, wohlklingende Klagen Publ. Roma, Ratti e Cencetti, n.d. |
Ferdinando Paërs Solokantate für Sopran bildet mit Donizettis gleichnamigem Werk einen dramaturgischen Programmschwerpunkt. Der Librettist von Saffo ist unbekannt. Das Stück existiert in mehreren Ausgaben und wurde zwischen 1825 und 1831 veröffentlicht. Der Publikationszeitpunkt der einzelnen Auflagen ist nicht mit letzter Präzision datierbar. Saffo muss im selben Zeitraum wie Donizettis Cantata a voce sola entstanden sein und dürfte somit zu Paërs letzten Stücken gehören. Da der Komponist (1771-1839) zeitlich und stilistisch der Musikergeneration um Johann Simon Mayr (1763-1845) zugeordnet werden kann, ist der Vergleich Paër - Donizetti innerhalb ein- und desselben Konzertprogrammes besonders spannend. Auf einer der Ausgaben von Saffo findet sich eine Zueignung von der Hand des Komponisten an die Sopranistin Violante Camporesi (dédiée à Madame Camporesi Giustiniani par son serviteur et admirateur F.P. directeur et compositeur de la musique particulière de S.M. ). Sie interpretierte u.a. die Bianca in der Uraufführung von Rossinis Bianca e Falliero an der Mailänder Scala. Die virtuose Anlage des Werkes lässt interessante Rückschlüsse auf die stimmlichen Fähigkeiten der Camporesi zu. Paërs Saffo findet ihre Analogie zu Donizettis Kantate auf inhaltlicher Ebene: Die Dichterin verzweifelt an ihrer Liebe zu Faone und sieht im Sprung vom leukadischen Felsen die einzige Möglichkeit, sich von dieser Leidenschaft zu befreien.
Formal ist der Monolog angelegt wie eine grosse Opernszene: Einem ausgefeilten Rezitativ (Barbaro, ti consola) folgt eine dreigeteilte Arie. Diese gliedert sich in zwei lyrische Abschnitte (Poichè a morte mi condanno und Di tante inutili) und eine harmonisch raffinierte Cabaletta (Chi viene a piangere). Musikgeschichtlich ist bisher nur eine einzige Aufführung von Saffo überhaupt nachgewiesen: am 28. November 1831 in Paris, im Rahmen eines Salonkonzertes am Hof von König Louis-Philippe. Ob es sich dabei um die Uraufführung handelte, ist unklar. Die Interpretin war eine (adelige) Schülerin Paërs. Publ. Paris, Propriété de l'auteur, ca. 1830 |
Die Welturaufführung von Donizettis Ouvertüre zu vier Händen in d-moll ist eine der Attraktionen des vorliegenden Konzertprogramms.
Das Autograph, von Donizettis Hand und als solches zweifelsfrei authentifiziert, wurde erst vor kurzem in den Beständen der British Library (wieder-) entdeckt und I Virtuosi ambulanti e.V. offiziell und exklusiv zur Uraufführung angeboten. Die Entstehungszeit des Manuskriptes ist in den Jahren 1831-32 anzusiedeln. Die für Donizetti außergewöhnlich saubere Niederschrift ist auf der ersten Seite links oben vom Komponisten signiert. Möglicherweise war das Autograph für eine bestimmte Person (beispielsweise im Sinne eines Privatauftrages oder einer Zueignung) gedacht, oder aber zur Publikation für einen Verlag vorgesehen (zum Beispiel im Rahmen eines Albums mit Salonstücken).Die Geschichte um die Provenienz des Manuskriptes bietet Raum für einen musikwissenschaftlichen Krimi: Es stammt aus der umfangreichen und namhaften Musiksammlung des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig. Er erstand das Manuskript 1938 in Mailand bei einem Händler. Dieser hatte es aller Wahrscheinlichkeit nach als "unveröffentlichtes und bislang unbekanntes Larghetto" (entsprechend der Tempobezeichnung auf der ersten Manuskriptseite) angeboten und verkauft. Damit dürfte das Missverständnis seinen Lauf genommen haben: Zweig hat das Werk für ein Streichquartett gehalten und es auch als solches katalogisiert. 1986 wurde die gesamte Musiksammlung von Zweigs Erben der British Library vermacht, wo Donizettis Stück unter der Katalognummer Zweig MS 33 weiterhin als Streichquartett verzeichnet blieb. Erst unlängst ist ein Komponist und Mitarbeiter der British Library der Wahrheit auf die Spur gekommen: Bei dem vermeintlichen Streichquartett handelt es sich in Wirklichkeit um eine Komposition für Klavier zu vier Händen im Stil einer Ouvertüre. Derartige Werke waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht unüblich. Donizetti selbst hatte zwischen 1813 und 1820 mehrere derartige Sinfonie (Ouvertüren) zu vier Händen komponiert. Das Autograph weist keinen Titel auf. Das Werk weist musikalisch starke Ähnlichkeiten mit der 1834 nachkomponierten Ouvertüre der zweiten Fassung von Il diluvio universale auf, ist aber nicht mit ihr identisch. Ausserdem dürfte die Ouvertüre sine nomine> früher komponiert worden sein. Sie beinhaltet musikalisches Material, welches der Komponist ebenfalls im Vorspiel zum Duett Nr. 8 Anna - Percy im I. Akt von Anna Bolena verwendet hat. Mehr Informationen zur Oper Il diluvio universale finden sich im Einführungstext zu Noé, dem Schlusstück dieses Konzertprogramms. Aus dem musikalischen Zusammenhang der Ouvertüre sine nomine und Noé mit Il diluvio universale und deren Aufführung am Anfang bzw. Ende des zweiten Teils ergibt sich für dieses Programm eine zusätzliche, spannende thematische Klammer. Mit dem Konzert vom 13.10.2012 bietet sich in Eisenstadt die einmalige Gelegenheit, mit der Uraufführung dieses Werkes aus Stefan Zweigs Besitz die Rückkehr eines kleinen Stückes österreichischer Kulturgeschichte in seine Heimat zu feiern. British Library, The Zweig Music Collection, Zweig MS 33 Vervollständigt und transkribiert von Christopher Scobie |
Kontrast und Entsprechung findet Paërs Saffo in der Gegenüberstellung mit Donizettis gleichnamiger Kantate für Sopran.
Die Cantata a voce sola con accompagnamento di P.F. ist in ihrer gedruckten Version Madamigella Virginia Vasselli gewidmet und muss daher vor der Hochzeit mit Gaetano am 1. Juni 1828 entstanden sein. Die österreichische Erstaufführung in Eisenstadt basiert auf einem Manuskript aus der Musiksammlung der Northwestern University Illinois. Musik und Text der beiden Manuskripte sind jedoch nicht identisch. Der handschriftliche Librettoentwurf, dem das autographe Orchesterfragment aus Bergamo zu Grunde liegt (Pietà, gran Dio degli astri / Son tradita, abbandonata), führt zusätzlich zur Protagonistin einen Chor ein und skizziert folgende dramaturgische Situation: Saffos Geliebter Faone hat die Dichterin verlassen. Sie bittet Apollo um die Befreiung von ihrer Leidenschaft für den jungen Fährmann. Ein Chor verkündet durch einen Orakelspruch die Antwort des Gottes: Nur die Wellen des Meeres sind im Stande, Saffos Verlangen zu löschen. Anders zeigt sich die dramaturgische Konstellation der Cantata a voce sola con accompagnamento di P.F.: Formal ist das Werk, entsprechend der sog. solita forma, aufgebaut wie eine zweiteilige Scena: Einer Introduktion mit Arioso (Faon, Faon) folgt ein Rezitativ (Il premio è questo), an das sich ein Cantabile (Come virginea rosa) anschließt. Ein kurzes Tempo di mezzo (L'amante tua t'appella) leitet über zur Cabaletta (Tutte dell'erebo): Vergeblich sucht die aufgewühlte Saffo nach ihrem Geliebten (Arioso). Sie stellt zwar fest, dass er verschwunden ist (Rezitativ), erträumt sich aber einen arkadischen Schauplatz, an dem sie ihn erwartet (Cantabile). Unvermittelt wird die Dichterin aus ihren Träumereien gerissen und von der Realität grausam eingeholt: Sie realisiert, dass Faone nie wieder zurückkehren wird und bittet den Tod, sie von ihren Seelenqualen zu erlösen (Cabaletta).
In Bezug auf die psychologische Entwicklung der Protagonistin sind die Parallelen zur Schlusszene von Anna Bolena (Al dolce guidami / Cielo, a' miei lunghi spasimi / Coppia iniqua) nicht von der Hand zu weisen. Auch die musikalische Anlage vermittelt plastisch Saffos extreme Seelenzustände mit abrupten emotionalen Schwankungen und Wahrnehmungsveränderungen und könnte somit als Vorläufer von Annas Aria finale angesehen werden. In seiner melodischen Form folgt das Cantabile Come virginea rosa offensichtlich Bellinischen Vorbildern. Donizetti saß am 30. Mai 1826, anlässlich der Uraufführung von Bellinis Bianca e (F)Gernando in Neapel, belegtermassen im Publikum. Dies würde für eine Datierung der Entstehung der Kantate zwischen 1826 und 1827 (in zeitlicher Nähe zur Uraufführung von Il pirata sprechen, möglicherweise parallel zur Niederschrift von L'esule di Roma. Die zwei "Saffos" von Donizetti repräsentieren jeweils unterschiedliche dramaturgische Entwicklungsstadien der Protagonistin: Passt man diese in den hypothetischen Ablauf eines fiktiven Saffo-Szenariums ein, das sich in etwa an Cammaranos Libretto für Pacinis Oper orientiert, entspräche das Bergamasker Orchesterfragment am ehesten der 1. Szene des III. Aktes (Voce del ciel, divini aruspici). Die Solokantate mit Klavierbegleitung hingegen ließe sich der Aria finale Saffos (Premio d'amor / Teco dell'are pronube) in der 2. Szene zuordnen. Delikates Gedankenspiel: Handelt es sich bei den beiden Stücken um zwei unterschiedliche Nummern zu einem nie realisierten Opernprojekt? Im Rahmen eines Solorecitals, das Leyla Gencer 1981 gegen das Ende ihrer grossen Karriere 1981 im Pariser Théâtre de l'Athenée gegeben hat, existiert von Donizettis Klavierkantate eine (gekürzte) Liveaufnahme (Bongiovanni GB 2523-2). Das Konzert in Eisenstadt bringt Saffo erstmals in vollständiger und ungekürzter Form auf die Bühne.Der Librettist galt bislang als unbekannt. Faszinierend ist die Entdeckung, dass die ersten Verse aus dem Cantabile Come virginea rosa identisch sind mit den ersten drei Versen der 9. Strophe der Ode Ad Amor pittore des italienischen Dichters Gabriele Rossetti (1783-1854, Vater des präraffaelitischen Malers Dante Gabriel Rossetti Diese Ode wurde 1821 im Raccoglitore in Mailand publiziert. Das Publikationsjahr war ein brisanter Moment in Rossettis Leben: Unter Joseph Bonaparte und Murat war er in Neapel u.a. als Theaterdichter am Teatro San Carlo angestellt, 1821 musste er aufgrund seiner liberalen politischen Einstellung (er sympathisierte mit den Carbonari über Malta nach Grossbritannien ins Exil fliehen. Donizetti reiste 1822 erstmals nach Neapel. Bisher lässt sich historisch nicht belegen, dass er Rossetti je persönlich begegnet wäre. Allerdings gibt es, von der oben erwähnten Gemeinsamkeit abgesehen, ein faszinierendes und zwingendes Bindeglied zwischen den beiden: Der junge Salvadore Cammarano war Rossettis Schüler. Die dramaturgisch und psychologisch stringente Gliederung von Saffo in eine zweiteilige Scena, wie man sie später in Cammaranos Libretti so häufig antrifft, könnte ein Indiz für Rossettis handwerkliches Erbe sein. Die textbezogene Analogie zwischen Ad Amor pittore und Saffo dürfte in der wissenschaftlichen Literatur über Gaetano Donizetti oder Gabriele Rossetti bislang nicht beschrieben oder sogar erforscht worden sein. Offensichtlich weist der vorliegende Artikel erstmals darauf hin. Northwestern University (Evanston, Illinois), Music Library, General Manuscript Collection, MSS 889, n.d. |
Rossinis Francesca da Rimini und Donizettis Canto XXXIII / Il Conte Ugolino sind im vorliegenden Programm bewusst miteinander gekoppelt: Rossini hat sein prägnantes Recitativo ritmato per canto e pianoforte um 1848 komponiert. Ein Faksimile davon erschien 1865 in London in einer Luxusedition von Dantes Inferno, die von George G. Warren, Lord Vernon herausgegeben wurde. Das Faksimile trägt denn auch folgende persönliche Widmung Rossinis: A Milord Vernon il suo candido estimatore Gioacchino Rossini.
Das Stück beschreibt eine Episode aus der Liebesgeschichte zwischen Francesca und Paolo: Die Beiden lesen gemeinsam die Legende von Lancelot und Guinevere und verlieben sich über der Lektüre ineinander. Im Gegensatz zu anderen Vertonungen dieses Sujets lässt Rossini allerdings die nachfolgende Tragödie außer Acht und konzentriert sich ausschließlich auf das magische Moment der Lektüre. Möglicherweise ist der musikalische Gattungsbegriff Recitativo ritmato in der gesamten europäischen Musikgeschichte nur ein einziges Mal für dieses eine Werk verwendet worden. Publ. Firenze, Barbera, 1880 |
Rossinis Francesca da Rimini und Donizettis Canto XXXIII / Il Conte Ugolino sind im vorliegenden Programm bewusst miteinander gekoppelt: Dante erinnert im 33. Gesang an einen historischen Vorfall: Er dokumentiert das grausame Ende des Statthalters von Pisa, Ugolino della Gherardesca. Dieser wurde 1289, nach einem niedergeschlagenen Aufstand, von seinem mächtigsten politischen Gegner mitsamt seinen Söhnen und Enkeln in einen Turm gesperrt. Der Turmschlüssel wurde in den Arno geworfen und die Gefangenen dem Hungertod überlassen. In der Göttlichen Komödie lässt der Dichter Ugolino seine eigenen Söhne und Enkel überleben: Im verzweifelten Kampf gegen den unausweichlichen Tod wird der Greis zum Kannibalen. Auf diese Tragödie geht der Begriff Hungerturm zurück.
Donizettis Kantate für Bass-Bariton und Klavier wurde erst 1843, lange nach ihrer eigentlichen Niederschrift (1826) zum ersten Mal publiziert. Die musikalische Form des eigenwillig komponierten Monologes wird massgeblich durch die von Dante erfundene Gedichtform der Terzine geprägt. Das Autograph ist dem berühmten Bassisten Luigi Lablache gewidmet (dedicato al celebre Luigi Lablache) und auf den 10. April 1826 datiert. In der Fachliteratur wird die Entstehungszeit bemerkenswerterweise allgemein mit 1828 angegeben, also in zeitlicher Nähe zur Uraufführung von L'esule di Roma (mit Lablache in der Rolle des Murena). Donizetti schrieb dem Sänger in der Folge die grossen Basspartien in Il Paria (1829), I Pazzi per Progetto (1830) Il diluvio universale (1830) und Sancia di Castiglia (1832) auf den Leib, sowie die Titelpartien in Marin Faliero (1835) und Don Pasquale (1843). Lablache war einer der bedeutendsten Interpreten seiner Zeit und sang 1827 in Wien, anlässlich der Beisetzung Beethovens, in Mozarts Messa da Requiem, 1835 in Paris die Uraufführung von Bellinis I Puritani (in derselben Saison wie Marin Faliero) sowie 1847 in London den Massimiliano in der Uraufführung von Verdis I Masnadieri. Die Ugolino-Episode aus dem 33. Gesang der Hölle wurde in der italienischen Musikgeschichte auch von anderen Komponisten vertont: 1805 von Niccolò Zingarelli sowie um 1834 von Francesco Morlacchi. Publ. Napoli, Cottrau, n.d. |
Das Werk wurde 1839 in Paris im Rahmen der Balladensammlung Rêveries napolitaines, der erweiterten und revidierten Fassung von Un Hiver à Paris, veröffentlicht. Donizetti hat es möglicherweise im Herbst 1838 während eines langen Paris-Aufenthaltes komponiert, wo er Roberto Devereux und L'elisir d'amore für das Théâtre-Italien vorbereitete. Bemerkenswert und tragisch ist die Entstehungsgeschichte von La dernière nuit d'un novice: Der Autor des Textes war der grosse Tenor Adolphe Nourrit, für den u.a. Rossini den Arnold in Guillaume Tell, Meyerbeer die Titelrolle in Robert le Diable und den Raoul in Les Huguenots und Halévy den Éléazar in La Juive geschrieben hatten. Kaum noch bekannt ist heute die Tatsache, dass Nourrit eine höchst bemerkenswerte literarische Begabung besaß: Von ihm stammt das Libretto zum Ballett La Sylphide, welches 1832 die Ära der grossen romantischen Ballette einleitete. Der Sänger wirkte als Co-Autor auch an der Entstehung von Eugène Scribes Libretto zu La Juive mit. Ausserdem hat er etliche Texte zu Balladen, Liedern und Romanzen geschrieben.
Nourrits Lebensende ist erschütternd: Nachdem er seine Karriere in Frankreich abgebrochen hatte, war der Tenor 1838 nach Neapel ausgewandert, wo er bei Donizetti Unterricht in italienischem Gesangsstil nahm und sich mit ihm intensiv auf Poliuto vorbereitete. Die geplante Uraufführung wurde allerdings im August 1838 von der neapolitanischen Zensurbehörde verboten. Das Verbot dieser Oper war für den Sänger ein Schock: Er litt an starken Depressionen und einer Lebererkrankung. Seine psychische und physische Gesundheit verschlechterten sich dramatisch. Trotz Erfolgen am Teatro San Carlo mit Norma und Il Giuramento stürzte sich Nourrit am 8. März 1839, nach einem Benefizkonzert, vom Dach der Villa Barbaja (seinem Domizil in Neapel) in den Tod. Möglicherweise hat Nourrit den Text zu La dernière nuit d'un novice während seiner Arbeit mit Donizetti in Neapel geschrieben. Er thematisiert die seelischen Konflikte eines Novizen in der letzten Nacht vor seinem Ordensgelübde: Er erhofft sich Ruhe und Frieden in seinem neuen Leben. Aber die Vergangenheit lässt ihn nicht los - seine innere Stimme meldet sich in Form eines malain esprit, eines bösen Geistes, zu Wort: Dieser fragt bohrend nach, ob er tatsächlich den richtigen Entschluss getroffen habe und erinnert ihn an seine Vergangenheit. Der Zuhörer erfährt, dass der Novize eine junge Frau mit Kind verlassen hat, möglicherweise hat sich diese Frau das Leben genommen. Das psychische Dilemma des jungen Mannes steigert sich ins Unerträgliche. Zu Nourrits dichterischem Schaffen in seinen letzten Lebenstagen gibt es einen beredten Zeugenbericht. Manuel Patricio Garcìa schreibt am 12. März 1839 (bereits nach dem Tod des Tenors) in einem Brief: "[...] Ich gab ihm ein Blatt Papier und sagte ihm: ' [...] Laß deinen Ideen freien Lauf. Schreib mir ein Gedicht.' Umgehend nahm er die Feder zur Hand und schrieb, nach einigen Momenten des Schweigens, seine ersten vier Verse. Nachdem er mir diese zum Lesen gegeben hatte, fügte er noch vier weitere dazu. Da ich mit ihrem düsteren Ton nicht einverstanden war, sagte er: "Mein Freund, sie drücken den Zustand meiner Seele aus". La dernière nuit d'un novice ist nicht der einzige Text von Nourrit, den Donizetti vertont hat: In Rêveries napolitaines erschien noch eine Ballade des Tenors, La folle de Ste. Hélène, die bewegende Geschichte einer geistig verwirrten Frau, die Zeugin von Napoléons Tod wird. Ein weiteres Psychogramm mit der Schilderung seelischer Extremzustände aus der Feder dieses depressiv veranlagten und tragischen Künstlers ... Die Ballade wird nur selten aufgeführt. Alfredo Kraus hat sie 1989 im Rahmen einer Solo-CD bei Capriccio (LC 08748) eingespielt. Das Stück ist nach dem Prinzip eines inneren Dialoges zwischen Protagonist und Antagonist gebaut und erinnert vage an analoge Szenen zwischen Faust und Mephisto. In seiner freien Behandlung und raffinierten Verknüpfung von rezitativischen und ariosen Formen weist dieses Werk weit über seine Entstehungszeit hinaus zu Gounod und Bizet, in die Regionen der französischen Oper der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.Publ. Napoli, Girard, 1839 |
Wie Canto XXXIII ist auch Noé von der künstlerischen Präsenz Luigi Lablaches geprägt - der Titel auf dem Notendeckblatt verweist ausdrücklich auf den berühmten Bass: Chantée par Lablache. Bei der Vertonung von Dieu terrible / Dio tremendo mag Donizetti dem leuchtenden Modell von Moses' Gebet aus Rossinis Werk gefolgt sein - wie Mosè in Egitto steht auch diluvio in der Tradition der Azioni sacre, der dramatischen Fastenoratorien in Neapel.
Noé entpuppt sich als klassische zweiteilige Arie mit Cantabile (Dieu terrible), Tempo di mezzo (Dans une nuit profonde) und Cabaletta (Vois la douleur): Der Patriarch bittet Gott um die Rettung seiner Familie. Während des Gebetes wird er von der apokalyptischen Vision einer Sintflut heimgesucht. Il diluvio universale war auf der Opernbühne des 19. Jahrhunderts kein Glück beschieden: Trotz der Präsenz von Luigi Lablache als Noé geriet die Uraufführung in Neapel u.a. wegen eines verpatzten Auftritts der Primadonna und technischen Schwierigkeiten bei der beginnenden Sintflut im Schlussbild zum Desaster. Eine musikalische Neufassung erzielte 1834 in Genua mit 13 Vorstellungen einen gewissen Erfolg. Es folgte noch eine kurzlebige Inszenierung in Paris, dann verschwand die Oper in der Versenkung. Erst 1985 wurde sie - ebenfalls in Genua - wiederaufgeführt. In neuester Zeit entstand eine CD-Einspielung und 2010 gab es eine Neuinszenierung in St. Gallen. In Österreich ist Il diluvio universale bis zum heutigen Tag unaufgeführt geblieben. Dieser bescheidenen Rezeptionsgeschichte zum Trotz wurden schon kurz nach der Uraufführung Salontranskriptionen verschiedener Nummern aus dem Werk publiziert und dürften - der Häufigkeit und weiträumigen Streuung der überlebenden Noten nach zu schließen - recht beliebt gewesen sein. Publ. Paris, Catelin et Cie., 1839 |