PROTOKOLL EINER ENTDECKUNG

I piccioli virtuosi ambulanti



Erster Eintrag / München, 21.03.2018

Mit Azione drammatico-musicale (dramatisch-musikalische Handlung) ist die einzige, 1819 gedruckte Librettoauflage von I piccioli virtuosi ambulanti (Die kleinen Straßenmusikanten) überschrieben — gattungsspezifisch darf man im vorliegenden Fall von einem Pasticcio sprechen.

Aus welcher Musik dieses Pasticcio exakt und im Detail besteht, war allerdings bis dato, trotz einiger Titelhinweise im Textbuch, nicht restlos geklärt.

Nicht wenige Musikwissenschaftler hielten das 1819 in Bergamo uraufgeführte Stück von Johann Simon Mayr (1763-1845), Gaetano Donizetti (1797-1848) et al. daher für unvollständig oder gar verloren. Bekannt war unter Experten in erster Linie Donizettis dafür geschriebene Introduzione.

Nicolas Trees, der künstlerische Leiter von I Virtuosi ambulanti e.V., hat jedoch mittlerweile sämtliche bislang noch fehlenden oder unbekannten (in mehreren europäischen Bibliotheken verstreuten) Musiknummern lokalisiert und sie erstmals explizit und nominell diesem Pasticcio zugeordnet – insbesondere jene des bayerischen Komponisten Johann Simon Mayr.

Die Wiederentdeckung von I piccioli virtuosi ambulanti hat somit den Status einer absoluten musikhistorischen Neuigkeit.

Das humoreske Libretto von Bartolomeo Merelli (1794-1879) schildert die umtriebigen Vorbereitungen von Musikstudenten zu einer Abschlussveranstaltung im Rahmen der Lezioni caritatevoli — Mayrs 1805 in Bergamo gegründeter Musikschule. Durch einen Zwischenfall wird die muntere Gesellschaft jedoch unvermittelt von der bitteren Realität der Straße eingeholt — und reagiert äußerst souverän.

Inhaltlich steht das Werk in der Tradition jesuitischer oder benediktinischer Schuldramen- und Opern, wie sie über Jahrhunderte, beispielsweise in den Benediktinerabteien von Ottobeuren, Engelberg oder Einsiedeln gepflegt wurden.

Von den Benediktinern in der Abtei Weltenburg an der Donau wird auch der siebenjährige Johann Simon Mayr ab 1769, für ungefähr drei Jahre, in der Klosterschule unterrichtet. Er erhält dort eine umfassende musikalische Ausbildung und spielt nach kurzer Zeit so gut Klavier, dass er dadurch (den Aufzeichnungen des damaligen Abtes zufolge) sein soziales Umfeld vollkommen verblüfft.

Weitere musikalische Beiträge für die piccioli virtuosi ambulanti stammen unter anderem von Gioachino Rossini (1792-1868) und Joseph Weigl (1766-1846) — Haydns Patensohn, geboren in Eisenstadt im Burgenland.

Dieses Pasticcio ist allerdings weit mehr als "nur" eine banale Kompilation erfolgreicher Musiknummern der damaligen Zeit: Donizetti und Mayr haben dafür nicht nur neue Musik geschrieben, sondern ebenfalls die Anleihen von ihren Kollegen bearbeitet und sie in eine dem Stück gemäße Form gebracht.
Dadurch gewinnt es einen singulären Status — und wird zum musikhistorischen Unikat. Im Zeitalter des Belcanto verkörpert das Werk die einzige überlieferte und verbürgte transalpine, deutsch/bayerisch - italienisch/lombardische Opern-Zusammenarbeit überhaupt.

Bereits vor seiner Mitautorenschaft an I piccioli virtuosi ambulanti hat Mayr eigene Übungswerke für die Studenten der Lezioni caritatevoli komponiert, beispielsweise 1810 La prova dell´Accademia finale (Die Probe für die Schlussakademie — 1997 in Bergamo wiederaufgeführt) oder Il piccolo compositore di musica (Der kleine Komponist — 1811). In beiden Stücken wirkt der junge Gaetano Donizetti als Darsteller mit.
Mit derartigen "Schul-Opern" reiht sich der Komponist aus Mendorf/Markt Altmannstein in eine Tradition ein, die 1830/31 vom spanischen Tenor Manuel García (1775-1832) aufgegriffen wird: Er schreibt für seine Gesangsstudenten fünf kleinere (in der Gegenwart teilweise wieder aufgeführte) Opern mit Klavierbegleitung. Analog verfährt Garcías Tochter, die berühmte Mezzosopranistin Pauline Viardot-García (1821-1910): Sie vertont in der zweiten Hälfte des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, auch für ihre Gesangsschüler, mehrere kleinere Werke (ebenfalls mit Klavierbegleitung), die mit Genrebegriffen wie Opérette de salon (Salon-Operette) überschrieben sind. In diesem konkreten Fall handelt es sich um Cendrillon (Aschenbrödel — 1904). Das bekannteste Werk der französischen Komponistin hat in den letzten Jahren mehrere Neuproduktionen erlebt.

Der spanische Musikwissenschaftler und Dirigent Gustavo Sánchez, Dozent an der Universidad Autónoma de Madrid (UAM) und an der Universidad Internacional de La Rioja, war bereits in vergangenen Produktionen ein unverzichtbarer Mitarbeiter von I Virtuosi ambulanti e.V.
Mit dem Ziel, diese einzigartige musikdramatische Kostbarkeit im 21. Jahrhundert, 200 Jahre nach ihrer Uraufführung, erstmals wieder zu neuem Bühnenleben zu erwecken, arbeitet er aktuell an einer Aufführungsfassung von I piccioli virtuosi ambulanti.

Hoch zum Anfang der Seite




Zweiter Eintrag / München, 15.05.2018

Das Libretto und seine formalen Besonderheiten

Ein paar Jahre vor der Entstehung der piccioli virtuosi ambulanti wird der Bergamasker Librettist Bartolomeo Merelli von Mayr — ebenfalls im Rahmen der Lezioni caritatevoli — gemeinsam mit Donizetti als Kompositionsschüler unterrichtet.
Möglicherweise arbeiten die beiden während der Entstehung der piccioli virtuosi, gemeinsam an der Opera buffa Le nozze in villa.

Theatergeschichtlich ist Merellis Libretto für die piccioli virtuosi den sogenannten Meta-Dramen zuzurechnen.
Leicht verkürzend ausgedrückt reflektiert diese dramatische Gattung in erster Linie sich selbst, macht also das Theater oder Theatermilieu zum Hauptgegenstand der Handlung, sehr oft in humoresker und satirischer Weise. Derartige Sujets waren um 1800 in der italienischen Oper, sehr beliebt.
Mayr selbst hat mehrere davon vertont: Che originali! (Was für Originale!, Gaetano Rossi, Venedig — 1798), L‘accademia di musica (Die Musikakademie, Gaetano Rossi, Venedig — 1799), I virtuosi (Die Virtuosen, Gaetano Rossi, Venedig — 1801). Für die Studenten seiner Lezioni caritatevoli richtet er zudem 1810 in Bergamo La prova dell‘Accademia finale ein (Die Probe für die Schlussakademie — 1997 in Bergamo wieder aufgeführt) und 1811 Il piccolo compositore di musica (Der kleine Komponist) — beide mit dem jungen Gaetano Donizetti als Interpret und Darsteller.

Mayrs renommiertester Schüler bleibt vom effektvollen und beliebten Genre des Meta-Dramas nicht unbeeinflusst: Mit den verschiedenen Fassungen von Le convenienze teatrali (Sitten am Theater, Neapel — 1827) beziehungsweise Le convenienze ed inconvenienze teatrali (Sitten und Unsitten am Theater, Mailand — 1831) landet Donizetti einen Erfolg, der bis auf den heutigen Tag andauert. In Mitteleuropa wird das Werk aktuell meist unter dem Titel Viva la Mamma! gegeben.

Auch andere Komponisten der Zeit verschließen sich nicht der Faszination dieses theatralischen Genres. Zu ihnen gehört Joseph Weigl, der in I piccioli virtuosi ambulanti auch mit einem von Mayr bearbeiteten Stück vertreten ist: Der österreichische Komponist lanciert 1802 in Wien mit der komischen Salonkantate Le pazzie musicali (Die musikalischen Verrücktheiten) einen Vorläufer des absurden Musiktheaters.
Noch weitere zeitgenössische Tondichter liefern beliebte und oft gespielte Meta-Opern: Erwähnt seien Domenico Cimarosa (1749-1801) mit seiner satirischen farsa L'impresario in angustie (Der Theaterdirektor in Bedrängnis, Giuseppe Maria Diodati, Neapel — 1786) und dem komischen Intermezzo Il maestro di cappella (Der Kapellmeister, Libretto: anonym — Berlin 1793) sowie Ferdinando Paër (1771-1839) mit Le maître de chapelle, ou Le souper imprévu (Der Kapellmeister oder das unerwartete Abendessen, Sophie Gay, Paris — 1821).

besetzung
  Das Besetzungsverzeichnis aus dem Libretto der Uraufführung 1819 in Bergamo  

Das Werk in seiner originalen Form, auf Basis der vorliegenden Notenmanuskripte und des gedruckten Librettos der Uraufführung, ist einaktig und für neun mitwirkende männliche Studenten/Schüler konzipiert.
Zwei davon spielen laut Libretto-Anweisung im Stück zusätzlich Klavier, zwei weitere Violine und einer Gitarre. Sechs der Studenten haben im Rahmen der Partitur tragende, teils sehr anspruchsvolle Gesangsrollen. In chorischen Momenten wird jedoch von allen neun Mitwirkenden gesangliche Präsenz verlangt.

Über weite Strecken ist der Text in gesprochenen Dialogen abgefasst - teilweise in expliziter, im Libretto detailliert festgehaltener Absicht, die rhetorischen Fähigkeiten der Schüler zu trainieren. Rezitative existieren nur im unmittelbaren Zusammenhang mit den gesungenen Musiknummern. Eine moderne Aufführungsfassung wird sich mit der Existenz und Vermittelbarkeit dieses gesprochenen italienischen Dialoges sehr sorgfältig und gründlich auseinandersetzen müssen.

Auffallend: Sämtliche Studenten treten unter ihren bürgerlichen Namen, sozusagen als ihre eigenen Rollen auf. Im Besetzungsverzeichnis sind sie auch eindeutig als Schüler der Lezioni caritatevoli ausgewiesen.
Der fiktive Spielort ist gleichzeitig der Ort des realen Geschehens der Uraufführung, nämlich ein Raum in der Musikschule (Locale della Scuola musicale).

Äußerst interessant ist der Umstand, dass die Handlung im Jahr 1817 angesiedelt ist, also zwei Jahre vor der tatsächlichen Première 1819.
Konkrete Gründe für diese Zeitangabe sind im Augenblick noch unbekannt und (hoffentlich) in Zukunft genauer zu klären. Es ist durchaus denkbar und nicht auszuschließen, dass sich im fraglichen Jahr 1817 in der Musikschule ein Ereignis zugetragen hat, welches die dramatische Grundlage für das vorliegende Textbuch liefert.

Wenn die munteren Aufführungsvorbereitungen im Stück — an einem fiktiven Ort, welcher dem realen Ort der Aufführung entspricht — urplötzlich von den "fiktiven" kleinen Straßenmusikanten mit ihrem "realen" Handlungshintergrund und den "konkreten" Bedürfnissen unterbrochen werden, dann scheint die dramaturgische Basis-Konstellation von Luigi Pirandellos (1867-1936) Schauspiel Sechs Personen suchen einen Autor (Rom — 1921) greifbar vorweg genommen.

An dieser Stelle ahnt man, welche Sprengkraft für die Zukunft ein solches Libretto in sich birgt und an diesem Punkt schließt sich auch der Kreis zum Meta-Drama.

Hoch zum Anfang der Seite


CSS ist valide!